„Parodontitis ist genauso gefährlich wie Rauchen.“

Rudolf von Eckartsberg
Rudolf von Eckartsberg

Zähne und das natürliche Gebiss in seiner Funktion zu erhalten – das sind meine Hauptaufgaben als Zahnarzt. Leider kommt es gar nicht so selten vor, dass ein eigentlich gesunder Zahn trotzdem nicht erhalten werden kann, weil das „Beet“ in dem seine Wurzeln stecken, der Zahnhalteapparat, zerstört ist.\r\n\r\nWie im Fall von Herrn Schulz*, einem Patienten mit schwerer Parodontitis.

Es ist Dienstag 11 Uhr. Zu mir kommt Herr Schulz. Ein neuer Patient. Herr Schulz wirkt viel jünger als 71. Ein freundlicher Mann, der weitgehend gesund ist, wie ich aus dem Anamnesebogen entnehme.

Nur mit seinen Zähnen hat er Probleme.

Beim Blick in seinen Mund zeigt sich mir das Vollbild einer fortgeschrittenen Parodontitis.

Symptome: Parodontitis und Zahnstein

Man sieht die frei liegenden Zahnhälse. Das Weisse sind Bakterien.
Man sieht die freiliegenden Zahnhälse. Das Weiße an den Wurzeln sind Bakterien. Unerreichbar für die Zahnbürste.

Im Volksmund auch als „Parodontose“ bekannt, ist Parodontitis eine durch Mikroorganismen verursachte Entzündung des Zahnhalteapparates.

Wird sie nicht behandelt, kommt es zur langsamen Zerstörung des knöchernen Zahnbettes. Dadurch lockern sich die Zähne, büßen ihre Kaufunktion ein und fallen letztlich aus oder müssen entfernt werden.

So wie bei Herrn Schulz. Ich sehe, dass im Oberkiefer schon fast alle Zähne locker sind. Sowie auch einzelne Zähne im Unterkiefer. Herr Schulz hat eigentlich gesunde, kariesfreie Zähne, dafür aber sehr viel Zahnstein, blutendes Zahnfleisch und durch die Zerstörung des Zahnbettes freiliegende Zahnwurzeln. Dies verursacht ihm Schmerzen und Schwierigkeiten beim Kauen.

Zahnstein bildet sich vermehrt bei Menschen mit besonders mineralhaltigem Speichel. Dies ist eine Sache der Veranlagung. Manche Menschen bilden viel Zahnstein, andere wenig bis gar keinen.

Zahnsteinbildung fördert Parodontitis. Auf den Belägen siedeln sich Parodontitis verursachende Keime an. Mangelnde Zahnpflege, Rauchen, Diabetes oder ein geschwächtes Immunsystem leisten der Krankheit weiteren Vorschub.

Wenn Essen keinen Spaß mehr macht: Parodontitis beeinträchtigt den kompletten Alltag.

Herr Schulz erzählt mir, dass seine Beschwerden seit einem Jahr „richtig schlimm“ seien, so dass er inzwischen nur noch weiche Speisen zu sich nehmen könne. Toastbrot statt der geliebten Rinde vom Bauernbrot, kaum noch Fleisch, keine Äpfel, keine Radieschen. Die Krankheit ist sehr weit fortgeschritten.

Parodontitis freiliegende Wurzeln
Parodontitis: Man sieht die freiliegenden Wurzeln. Schmerzen bei heißen und kalten Speisen sind die Folge.

Durch die anhaltende Entzündung bildet sich das Zahnfleisch zurück. Tiefe Zahnfleischtaschen entstehen und durch das Freiliegen der Wurzeln an den großen mehrwurzeligen Backenzähnen bilden sich Schlupfwinkel. In diesen Hohlräumen sammeln sich die Bakterien. Die Entzündung zerstört die Strukturen, teilweise tritt Eiter aus.

Für den Patienten wird es immer schwieriger bis unmöglich, diese Hohlräume sauber zu halten. Benachbarte Strukturen und Zähne werden befallen. Ein Teufelskreis beginnt, der zu völligem Zahnverlust führen kann.

Therapien haben nicht gegriffen

Herr Schulz versichert mir zwar, dass er regelmäßig beim Zahnarzt war und mindestens dreimal im Jahr eine professionelle Zahnreinigung (PZR) durchführen lässt. Trotzdem leidet er seit Jahren immer wieder an Zahnfleischentzündungen und schmerzempfindlichen Zähnen. Die typischen Symptome bei Parodontitis.

Ich vermute, dass mit diesen sinnvollen Maßnahmen viel zu spät begonnen wurde. Die Zerstörung des Zahnhalteapparates war schon zu weit fortgeschritten, die Zahnfleischtaschen zu tief. Bakterien konnten sich dort ungestört vermehren und der normalen Mundhygiene entziehen. Alle Therapien, auch mit Unterstützung von Antibiotika, zeigten daher nur kurzfristigen Erfolg

Parodontitis und Herzinfarkt

Herr Schulz zuckt zusammen, als ich ihn darüber aufkläre, dass er genauso wie ein Raucher gefährdet ist, an einer koronaren Herzerkrankung zu erkranken. Denn die chronische Entzündung des Zahnhalteapparates steht seit Jahren im begründeten Verdacht, der Verstopfung von kleinen Blutgefässen in anderen Körperregionen Vorschub zu leisten.

Parodontitis kann also ebenso einen Herzinfarkt verursachen, wie Rauchen.

Radikaler, aber notwendiger Schritt

Röntgenbild Parodontitis
Auch hier auf dem Röntgenbild sieht man, dass sich das Zahnfleisch zurückgebildet hat.

Letztlich rate ich Herrn Schulz, alle Zähne des Oberkiefers entfernen zu lassen. Auch den stark betroffenen Zahn im Unterkiefer. Die Entzündung muss endlich gestoppt werden.

Mein primäres Behandlungsziel ist immer der Erhalt der Zähne. Aber im Fall von Herrn Schulz ist es dafür zu spät. Selbst wenn ich nur die am stärksten betroffenen Zähne ziehen würde, wäre das Problem nicht behoben. Es würden Zahntaschen verbleiben. Die Entzündung würde andauern. Und damit das Risiko für den Patienten.

Durch die Entfernung der Zähne verschwinden alle Schlupfwinkel für die Bakterien. Es bildet sich eine geschlossene und entzündungsfreie Schleimhautoberfläche auf dem Kieferkamm. Das ist ein hoher Preis. Aber nur mit diesem radikalen Schritt verschwinden die gesundheitlichen Risiken für den Gesamtorganismus.

Herr Schulz nimmt die Nachricht äußerlich gelassen. Dass ihm seine „gesunden“ Zähne gezogen werden, muss er erst noch verdauen. Und trotzdem wirkt er erleichtert. Ich versichere ihm, dass sich trotz Zahnersatz seine Lebensqualität verbessern wird. Mit einer gut sitzenden Totalprothese können Patienten alles essen, auch Brotrinde oder sogar Nüsse knacken.

Ob später vielleicht fester Zahnersatz mit Implantaten in Frage kommt, muss ich prüfen. Nichts ist unmöglich.

So geht’s weiter: Zuerst die Bürokratie

Ewa drei Wochen dauert es, ehe die Krankenkasse Herrn Schulz den Kostenplan genehmigt. Dann werde ich einen Abdruck seines Gebisses anfertigen, damit der provisorische Zahnersatz hergestellt werden kann.

Wenn das Provisorium fertig ist, werde ich die Zähne des Oberkiefers ziehen. Herr Schulz kann dann gleich das Provisorium einsetzen. Aber das lesen Sie im zweiten Teil.

Meine 3 Tipps, damit es gar nicht erst zur Parodontitis kommt:

*Selbstverständlich hat uns Herr Schulz vor Veröffentlichung sein Einverständnis zu diesem Artikel gegeben.

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